Bestattung vor 100 Jahren


Das Jahr 1918 – Ein Rückblick auf die Ereignisse in Wien

2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Grund genug einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Wien war im letzten Kriegsjahr durch eine weitere Verschärfung der anhaltenden Versorgungskrise gekennzeichnet. Im September 1918 näherte sich eine weitere Bedrohung für die unterernährte Wiener Bevölkerung: die "Spanische Grippe". Die Epidemie erreichte im Oktober ihren Höhepunkt und forderte etwa 6.000 bis 8.000 Opfer. Es mangelte an nahezu allem, so auch an Särgen um die Verstorbenen zu Beerdigen.

Pferdemangel

Neben den Särgen mangelte es auch an Pferden. Die Stadtväter standen somit vor einem weiteren Problem. Wie sollte man die Leichen transportieren? Dies wurde nämlich üblicherweise mit Pferdewagen durchgeführt. Bei bis zu 250 Verstorbenen pro Woche, stellte das zu jener Zeit eine große Herausforderung dar. Es handelte sich hierbei jedoch nicht nur um logistische Ratlosigkeit. Die kaum enden wollenden Leichenzüge prägten schon bald das alltägliche Bild der Simmeringer Hauptstraße, sehr zum Missfallen der Anrainer, welchen diese ständige Konfrontation mit dem Tod, zusehends auf das Gemüt schlug. Zusätzlich kam noch hinzu, dass in der kalten Jahreszeit immer wieder Kondukte im Schnee steckenblieben.

Futuristische Konzepte

Vorschläge und Pläne für alternative Leichentransporte gab es viele, die jedoch allesamt nicht zur Durchführung gelangten. Ein Konzept sah den Bau einer eigenen Bahnlinie vor, ausgehend von einer zentralen Sammelstelle in einer ehemaligen Markthalle. Geradezu futuristisch war der Plan von Architekt Josef Hudetz und Ingenieur Franz von Felbinger, ähnlich dem Prinzip der Rohrpost die Leichenbeförderung pneumatisch in einem langen, beim Zentralfriedhof endenden Tunnel durchzuführen.

„Leichentram“

Mangels Alternativen wurde der Transport von Toten bis März 1918 also weiterhin mit Pferdefuhrwerken durchgeführt. Am 6. März 1918 wurde den WienerInnen dann erstmals die Neuerung auf dem Gebiet der städtischen Leichenbestattung vorgestellt: die Leichentram. "In den Werkstätten der Straßenbahnen wurde ein eigener Leichenwagen gebaut, der von einem Triebwagen der 'Elektrischen' geführt wird“, hieß es in den Zeitungen. Heute ist das die Straßenbahnlinie 71. Bereits 1873 führten deren Gleise über den Rennweg bis knapp vor Simmering. Ein Jahr später fuhr die Bahn bis zum zweiten Tor des Zentralfriedhofs. Im selben Jahr entstanden in der Simmeringer Hauptstraße zwei große Remisen mit Wohnhäusern für die Schaffner (Kondukteure) und Stallungen für die Pferde (Die Straßenbahn wurde damals von Pferden gezogen und „Tramway“ genannt). Ab 1918 setzte sich dann aus offensichtlichen Gründen der Wiener Begriff „Leichentram“ durch.

Heute sind wir froh, dass auf der Simmeringer Hauptstraße noch immer traditionell der 71er fährt, jedoch seine Verwendung wieder völlig auf den Transport von Lebenden beschränkt ist. Dennoch erinnert er nach wie vor an die schwierigen Jahre.